Dieser Artikel entstand im Rahmen des Semesterprojekts im dritten Semester Onlinejournalismus an der Hochschule Darmstadt.
Die Welt schaut auf Ägypten
Genau ein Jahr liegt der Beginn des Arabischen Frühlings in Ägypten nun zurück. Die Regimes in Tunesien und Ägypten fielen. In Algerien gab die Regierung Forderungen der Bürger nach und eine Protestwelle zog durch Nordafrika.
Die Welt ist verunsichert und beobachtet Umwälzungen, die die Medien gerne als Facebook-Revolution verkaufen. Auch Außenminister Westerwelle stellt sie im folgenden Video wie ein Aufbegehren gegen Unterdrückung und einen Kampf für Meinungsfreiheit dar.
Kaum etwas hört man jedoch über die existenzielle Bedrohung, unter der Ägypten schon seit vielen Jahren leidet: Hunger und steigende Lebensmittelpreise.
Die ägyptische Sicht der Dinge
Für die Ägypter ist der Alltag in ihrem Land schon lange unberechenbar. Grundnahrungsmittel sind kaum mehr bezahlbar. Das Regime unterdrückt den Zorn der Bevölkerung und greift hart durch, wie bei den Protesten am 6. April 2008. Fast schon orakelhaft skizziert auch der Bericht der Tagesthemen vom 15.April 2008 die Entwicklung der kommenden Jahre. John Salevurakis, Professor an der amerikanischen Universität in Kairo sagt voraus, was knapp vier Jahre später, im Januar 2012, als Wahlergebnis zwei Monate nach der Auszählung bekannt gegeben wird: eine starke islamistische Partei.
Im Juni 2010 äußert sich Blogger Khaled Said kritisch zum Thema Korruption und wird von Polizeikräften gefangen genommen und getötet. Spätestens seit seinem Tod hat der Protest auch international ein Gesicht. Während die etablierten deutschen Medien bis Ende 2010 nur wenig über die Demonstrationen berichten, breitet sich der Protest im Netz aus. Gruppen rund um das “6th April Movement” und Khaled Said finden international Beachtung.
Wie sich die Demonstrationen für die ägyptische Bevölkerung darstellen, erklärt Blogger und Filmemacher Philip Rizk im Videointerview:
Die deutsche Sicht der Dinge
Ägypten ist auch heute noch überwiegend als Urlaubsland bekannt, das – zumindest in den Touristenregionen – ziemlich gefahrlos bereist werden kann. Nur wenig drang in der Vergangenheit in den deutschen Medienmainstream durch. Der “Tag des Zorns” am 6. April 2008 auf den Straßen von Mahalla al-Kubra zum Beispiel fand nur punktuell Beachtung. Dieses Ereignis, das als Auslöser der Tahrir-Platz-Proteste 2011 angesehen werden kann, war lange Zeit kaum ein Thema in den deutschen Medien, obwohl rund eine Million deutsche Urlauber alljährlich das nordafrikanische Land besuchen.
Auch der deutsche Journalist Richard Gutjahr, der während der Proteste 2011 aus Ägypten bloggte, erfasst im wesentlichen nur den üblichen Dreiklang: ein Volk will Meinungsfreiheit – Diktator unterdrückt das Volk – der Diktator muss weg. Am Rande klingt zwar kurz an, dass die “Preise in den letzten Jahren massiv anstiegen” – doch der Blick auf die Hintergründe bleibt aus.
Der Blick auf Morgen
Prognosen gab John Salevurakis auch im Juni 2011 ab. Der Wirtschaftsprofessor der amerikanischen Universität in Kairo zeigt auf, dass die Kernursachen des arabischen Frühlings es längst bis nach Europa geschafft haben. Er verbindet die eigentlich getrennt voneinander betrachteten Szenarien “Eurokrise” und “Arabischer Frühling” und erklärt das Festhalten am Euro. Salevurakis wählt dabei deutlichere Worte für den Fall einer Rückkehr zur Drachme, als hierzulande beispielsweise die Fokus-Redaktion.
In der Diskussion um Euro-Rettungsschirm und Finanzmarktbesteuerung tritt das Kernproblem bisher kaum in Erscheinung. Die Teilnehmer des Agrarministergipfel 2012 kommen über ein “Da müssen wir was tun” kaum hinaus und haben die langfristige weltweite Ernährungslage im Blick.
Doch die Demonstrationen in Ägypten und Griechenland weisen auf Kernprobleme innerhalb der EU voraus:













