Sind wir nicht alle ein bisschen “wulffig” ?

Hinweis: in diesem Beitrag können ihnen Ironie und Sarkasmus begegnen.

Japp, ich bin schon ein halber Wulff. Dreist ergaunere ich mir rund 10 Euro monatlich als “Journalistenrabatt” auf die BahnCard 50.

Unanständig auf den eigenen Vorteil bedacht und quasi schon ein Abzocker im großen Stil – so zumindest der Eindruck, den die Presse von Herrn Wulff erweckt. Ob zu Unrecht oder nicht prüft gerade eine Staatsanwaltschaft unseres Volksvertrauens. Und plötzlich bin auch ich es. Wullfig … ich schimpfe, sobald man mir an die Vorteile will. In meinem Fall nicht per Anrufbeantworter, sondern per Blog.

In allerfeinstem Moralisten-Sprech informierte mich die Deutsche Bahn vergangene Woche, dass mein Journalistenrabatt dahin ist :

“Nicht nur die Medienwelt hat sich grundlegend verändert, auch die gesellschaftliche Sicht der Dinge wandelt sich, ebenso die Diskussionen innerhalb des journalistischen Berufsstandes.”

Autsch – die Welt um mich herum ist also im Wandel. Danke, liebe Bahn, fast wäre es mir entgangen. Als Journalist neigt man ja dazu, nicht all zu oft diese “Welt” wahrzunehmen. Dieses ganze Rabatte-scheffeln lässt auch kaum noch Zeit dafür.

Gut, dass wenigstens ein Großunternehmen, wie sie ein Auge darauf hat:

“All dies berücksichtigend, hat die Deutsche Bahn entschieden, den Journalistenrabatt auslaufen zu lassen.”

So als eine der letzten  Moralinstanzen in diesem Land, oder wie?  Ich bin ergriffen … NICHT.

Sind wir nicht alle ein bisschen “wulffig” ?

Ändert sich die gesellschaftliche Sicht der Dinge wirklich? Falls ja, dann dürfte demnächst so einiges los sein. Egal, ob Beamtenrabatte, Nachlässe für Firmenkunden, Bonusprogramme – irgendwie steckt doch in all diesen Systemen ein Stück Vorteilsnahme. Permanent wird der Normalkäufer benachteiligt, wenn er keine Punkte sammelt oder sein Portemonnaie nicht mit 287 Rabattkarten füllt.

Doch “Petra Punktekleber” erhält sicher kein charmantes Schreiben, wenn REWE sich vielleicht entschließt, künftig kein subventoniertes Kochtopfset mehr als Gegenleistung für häufige Einkaufsbesuche anzubieten. Auch “Bernd Brötchenholer” wird keinen Brief von seinem Bäcker bekommen, dass seine Stempelkarte nicht mehr zeitgemäß ist.

Werden nun bald alle Nachlässe, die Einzelhändler ihren Stammkunden gewähren oder Rabattkarten, die Verkehrsvereine oder Verlagshäuser ins Leben rufen gekündigt? Warum sollte  ein Besucher aus Bayern denn beim Einkauf in Koblenz  nicht die selben Vorteile genießen, die ein Abonnent der  Lokalzeitung erhalten kann?

Allmählich macht mir dieser gesellschaftliche Wandel ein wenig Angst. Kann richtig teuer werden, wenn das so weiter geht. Geld, was ich in einer Branche durch Rabatte nicht mehr spare, kann ich in einer anderen Branche nicht mehr ausgeben.

“Das ham wa’ uns vadiiiiieeeehhhhnt”

All diese Rabatt-Gewährungen sind vor allen Dingen eines: an Bedingungen geknüpft. Sei es die kostenpflichtige Migliedschaft in einem der Journalistenverbände, der regelmäßige Einkauf beim Bäcker oder aber jegliches andere Vertragsverhältnis, dass darauf hoffen lässt, die Kosten für den gewährten Rabatt  anderswo wieder herein zu bekommen. Sei es durch häufigeren Einkauf oder durch gute Mundpropaganda.

Kundenbindung ist das Stichwort. Jemand, den du nett behandelst, der lässt auch gern etwas mehr und etwas häufiger Geld bei dir. Das wissen Einzelhändler und heben sich so von großen Handelsketten ab, die gern mit Paypal und anderen Systemen arbeiten.

Im Fall der Bahn dürften die “reisende Journaille” ob der Bahncard auch deutlich mehr Tickets kaufen, als  “Guido Gelegenheitsbahnfahrer”.

“Spannend, liebe Bahn, was kommt als nächstes?”

Aber gut. Die Moral ist ja permanent in Gefahr und da muss ja endlich mal jemand einschreiten. Fangen wir also bei den Journalisten an. Aber, liebe Bahn, jetzt auch konsequent weiter denken.

Es ist doch ein Unding, dass ein Pendler, der eure Züge täglich nutzt mit einem Monatsticket weniger zahlt, als jemand, der mal “ausnahmsweise” mit euch unterwegs ist. Werden bald dann auch alle Tickets am Automaten günstiger? Oder die Monatskarten teurer?

Wie wär’s mal mit Klartext?

Gut, zetern hilft nichts und auch wenn ich euch den Anrufbeantworter voll labere würde ist es nicht abzuwenden. Der Rabatt ist dahin.  Die 10 Euro, die mir monatlich nun fehlen, wandern nicht mehr in die praktischen Läden, die ich an euren Bahnsteigen so finde. Kaffee, etwas zu Essen – meist zu Tankstellen oder Raststättenpreisen. Vielleicht mache ich auch ein paar Reisen weniger oder halte mal den Daumen raus, um das Geld wieder herein zu bekommen.

Ich nenne das “Kostendruck”, liebe Bahn. Dafür habe ich sogar Verständnis, denn der trifft uns derzeit an so vielen Stellen.

Ein Schreiben, wie:

“Sehr geehrter Herr Lücking,

gestiegene Betriebskosten zwingen uns, nach Einsparpotential zu suchen. Die Deutsche Bahn hat sich daher entschieden, das Rabattangebot für Journalisten einzustellen. Dies kann sicherlich nur einen Teil der Steigerungen auffangen.

Wir hoffen, sie auch weiterhin als Kunden der regulären Bahncard 50 begrüßen zu dürfen.”

Lustiger hätte ich gefunden:

“Ihr habt einem unserer Politikerfreunde weh getan, jetzt tun wir euch weh …” 

Aber das ist jetzt eine zu wilde Spekulation….

Hinweis: in diesem Beitrag sind ihnen sicherlich Ironie und Sarkasmus begegnet.

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10 Responses to Sind wir nicht alle ein bisschen “wulffig” ?

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  5. daniel sagt:

    “Kundenbindung ist das Stichwort. Jemand, den du nett behandelst, der lässt auch gern etwas mehr und etwas häufiger Geld bei dir. ”
    Die Inhaberschaft eines Presseausweises ist kein Kriterium wieviel Geld der Inhaber bei der Bahn ausgibt. Stattdessen ist es ein ausgezeichnetes Kriterium, um diejenigen zu identifizieren von denen man gerne freundliche Berichterstattung bekommen würde.

    Ich habe nicht das geringste Mitleid mit Ihnen, die Bahn hat Recht. Ein kleiner Hint: Presserabbatte werden häufig mit den Budgets der PR Abteilungen gedeckt. Wieso wohl?

    • Daniel Lücking sagt:

      Das die Bahn Recht hat, Kosten zu sparen: auf jeden Fall.

      Gesellschaftliche Diskussion vorzuschieben: einfach nur platt :-)

      Freundliche Berichterstattung kaufen: gerne versuchen, aber freundlich wird’s nur, wenn’s auch überzeugt.

      • daniel sagt:

        Zufriedene Kunden zu überzeugen ist einfacher. Geldgeschenke und eine Bevorzugt-Behandlung für eine potentiell wichtige Kundengruppe helfen dabei ebenso, wie das qualitativ gutes Angebot tut.
        Das ist 1st Semester Wissen über PR-Arbeit.

        Wo Sie dabei eine gesellschaftliche Diskussion entdecken bleibt ihr Rätsel.

        Ich halte ihren Artikel für reines Selbstmitleid. Unberechtigtes.

        • Daniel Lücking sagt:

          Die “Gesellschaftliche Diskussion” bezieht ich auf das Vollzitat aus dem Anschreiben der Bahn.

          Selbstmitleid? Wenn sie es so sehen wollen, gern – ich Verweise nur auf den Eingangs- und Schlusshinweis.

  6. Pingback: Journalismus für Kinder | Out of Messel

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