Energiewende – Winter 2012 / 2013

(unredigierte Fassung)

Ein wenig Schwarzmalerei? Ja, aber nicht ohne Hintergrund. Anlass für diese hoffentlich fiktive Geschichte ist das Interview mit Hans-Peter Villis in der Zeit Nr 23 vom 31. Mai 2012 “Die Versorgung ist gefährdet”. Villies fordert einen zentralen Ansprechpartner – einen Energieminister – für die Strombranche. Scheitern Institutionen, wie Bundesnetzagentur und Bundesumweltministerium an den Herausforderungen der Energiewende?

Energiewende

Winter 2012 / 2013 – das Chaos ist da. Nein, es sind weder Schneemassen, noch mangelnde Streusalzvorräte. Deutschland leidet in diesem Winter unter Stromabschaltungen.

Die Forderungen nach einem schnelleren Netzausbau konnten im Sommer und Herbst nicht umgesetzt werden.Die Energiewende entwickelte sich auch nach dem Ministerrausschmiss im Mai nicht zufriedenstellend.

Es begann mit einem ungewöhnlich kalten November. Die Stromversorger müssen eingestehen, dass sie ihr sensibles Netz nicht mehr gänzlich unter Kontrolle haben.Die Stromspitzen, die das Netz im Sommer überlastet hatten blieben nicht ohne Auswirkungen.Mitte November fallen in einigen Städten die Stromnetze aus – erst nur für wenige Minuten, dann für Stunden. Die Gründe dafür erläutern Krisenstäbe im Kanzleramt hinter verschlossenen Türen.

Offenbar sind die Schwankungen der Stromproduktion im Netz nicht mehr zu kontrollieren.
Zwangsabschaltungen der teuer geförderten Solaranlagen hatte die Regierung weder im “Rekordaugust” noch im “sonnigsten September seit 100 Jahren” zugelassen. Die Stromversorger drosselten zähneknirschend die Stromproduktion ihrer Windparks im Norden. Doch gebracht hat es wohl wenig.

Nur zwei Tage hält sich die Forderung, die abgeschalteten Atomkraftwerke wieder ans Netz zu nehmen in den Medien. Die Stromversorger müssen eingestehen, dass ihr Netz schlichtweg überaltert ist. Selbst mit einer kontinuierlichen Dauerlast, wie sie Kraftwerke erzeugen können kommt das Stromnetz nicht mehr zu recht.

Die Auswirkungen reichen bis in die Wohnzimmer der Menschen.

“Die Regulierung der Stromversorgung hat jetzt oberste Priorität.”, so Kanzlerin Angela Merkel in einer weiteren Ansprache an die Bevölkerung. “Die Entbehrungen, die ich ihnen,liebe Mitbürger, gerne ersparen würde, tragen Sie bisher mit einer lobenswerten Gelassenheit. Mein Dank gilt auch den freiwilligen Helfern, die in den betroffenen Städten den Notbetrieb aufrecht erhalten.”

Wie teuer dieser Winter wird, kann noch niemand absehen. Die ersten Stromabschaltungen, die über drei bis fünf Stunden andauerten blieben nicht ohne Folgen. Mit dem Strom brach auch ein Großteil der Telefonversorgung in den Stadtteilen zusammen. Auch Mobilfunksendemasten waren betroffen. Vereinzelt konnten Krankenwagen und Feuerwehr nicht gerufen werden. Die ersten Toten einer verschleppten Energiewende.

Notfallpläne benannten schon bald Schlüsselregionen. Die Stromabschaltungen in diesen Gebieten erwiesen sich als “förderlich für die Grundlast” im Netz. Für die Bewohner einer “Schlüsselregion” bedeute das eine Art planbares Chaos. Einige Stunden am Vormittag, zwei bis vier Stunden am Nachmittag und drei Stunden in der Nacht – im Schnitt 16 von 24 Stunden eine verlässliche Stromversorgung.

Technisches Hilfswerk und Bundeswehr sind in diesen Regionen im Dauereinsatz. Dieselaggregate betreiben in der stromlosen Zeit die Mobilfunkanlagen. Bürger werden aufgefordert ihre Handies für Notfälle geladen zu haben und Autofahrten auf ein notwendiges Minimum zu beschränken. Der Kraftstoffverbrauch, um den Notstrom zu erzeugen ist immens.

Supermärkte haben ihr Angebot an Tiefkühl- und Frischwaren binnen weniger Tage auf ein Minimum zurück gefahren.Die durch Stromausfälle unterbochene Kühlkette hatte für Millionenverluste gesorgt.
Noch vor Weihnachten will man einzelne Märkte in den betroffenen Regionen zu Kühl-Zentralen umrüsten. Auch hier kommen Dieselaggregate zum Einsatz. Die Kosten sind weitaus höher, als eine Ausstattung der riesigen Supermarktdächer mit Solarzellen – selbst ohne staatliche Förderung – gekostet hätte. Die Schäden, die durch vergammelte Lebensmittel in den privaten Haushalten entstanden sind, lassen sich unterdessen nur schätzen.

Um eine Grund-Versorgung auch im Süden Deutschlands zu gewährleisten, greift die Regierung durch. Großkonzerne dürfen ihre Produktionsanlagen nur noch unter strengen Auflagen betreiben. Das Schreckgespenst Kurzarbeit geht um.
Plötzlich stehen die Produktionsstraßen der Autohersteller still. Erst, wenn der Bestand an “auf Halde produzierten Fahrzeugen” maximal 2% der Jahresproduktion unterschreitet, darf nachproduziert werden. Opel und VW wollen die Produktion erst im März wieder starten.

Der Aufschrei ist groß – und verhallt doch schneller, als gedacht. “Das grenzt an sozialistische Planwirtschaft!” waren die letzten Worte, zu denen sich einige Vertreter der Jungen Liberalen hinreißen ließen, bevor die Bundespartei dererlei Aussprüche untersagte – die Lage ist ernst.

Im Januar kann Süddeutschland über das deutsche Netz nicht mehr kalkulierbar versorgt werden. Auch das Winterwetter scheint mit Rekorden den Stromversorgern das Kreuz brechen zu wollen. Schneerekorde gefolgt von Temperaturen bis Minus 20 Grad bestimmen den Januar.

Nun bekommt auch der Straßenverkehr weitere Auswirkungen zu spüren. Die plötzlich ausfallenden Ampelanlagen hatten im November dazu geführt, dass deutschlandweit innerorts Tempo 30 zur Pflicht wurde. 70 km/h auf Bundesstraßen und Tempo 100 auf Autobahnen verlangsamten nicht nur die Fahrzeuge. Industrie und Dienstleistungsgewerbe müssen sich an die neuen Zeittakte gewöhnen. Just in Time optimierte Produktionsprozesse versagen für einige Tage.

Und plötzlich werden sie Realität – die Stromautobahnen.

Um Süddeutschland mit Strom versorgen zu können greifen Regierung und Konzerne zu einem fast schon verzweifelt wirkenden Schritt. Quer durch die Republik werden Notfalltrassen gezogen. Auf den Autobahnen in Grenznähe wird der Verkehr auf jeweils einer Fahrbahnseite zusammengefasst. Die Geschwindigkeiten reduzieren sich auf 50 km/h.

Auf der freigewordenen Autobahnseite wird das Notfallnetze ausgerollt. Ein seltsam anmutendes Konstrukt aus Leitungen, die über Baugerüste verlaufen. In regelmäßigen Abständen werden auf Rastplätzen Verzweiger und Kleinst-Umspannwerke errichtet. Optimistisch geschätzt soll das neue Netz bis zur Jahresmitte 2013 eine Zuverlässigkeit von 75 % erreicht haben – demnach im 18 von 24 Stunden Stromversorgung bewerkstelligen.

Die Grünen und die Piratenpartei beschließen unterdessen die Themen Energieversorgung und Smart-Grids zum Kern ihrer Arbeit zu machen. Neben einem Netz aus Minikraftwerken in den Haushalten tüfteln die Piraten an einer “Unterbrechungsarmen Stromversorgung”. Das Ziel der Entwicklungsarbeit ist es, die Unterbrechungen im gesamten Stromnetz so zu verteilen, dass verlässliche Ausfallzeiten von maximal 30 bis 60 Minuten auf das gesamte Land verteilt werden.

Gewerbeparkbetreiber fragen unterdessen massenhaft Wetter- und Winddaten beim deutschen Wetterdienst an. Wo immer möglich wird versucht autarke Lösungen zu finden, um künftig nicht durch Stromausfälle in die Pleite getrieben zu werden. Diese Small-Grids sollen künftig nur in Ausnahmefällen vom nationalen Stomnetz versorgt werden – die Planungen sehen vor kontinuierlich mindestens 20 % der Energieproduktion in das Netz abzugeben. Produktionsspitzen werden in diesen Small-Grids über die Beleuchtung der Gewerbeparks reguliert. So sollen in Zeiten der Überproduktion auch tagsüber Parkplatz- und Straßenbeleuchtungen eingeschaltet bleiben.

Innovative Ideen finden unterdessen erstmals Gehör. Regenüberlaufbecken werden mit einem Rohr-und Pumpensystem untereinander verbunden. Die Pumpen gehen in Betrieb, sobald Spannungsspitzen nicht mehr nur über die Beleuchtung abgebaut werden können. Rund ein Viertel des Fassungsvermögens zirkuliert dann zwischen den Rückhaltebecken. Doch das ist Zukunftsmusik mittelfristiger Art, die in diesem Winter nicht mehr umzusetzen ist.

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8 Responses to Energiewende – Winter 2012 / 2013

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  8. Mediha sagt:

    Grundsätzlich braucht die Nachfrage nur anzusteigen, damit an neuen Techniken der Energiegewinnung und Verwaltung gearbeitet werden kann. Vielleicht würde uns der ein oder andere Netzzusammenbruch sogar wirklich zum Vorteil gereichen – langfristig gesehen.

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